Invertieren
Ein Foto invertieren heißt, es mittels digitaler Bearbeitung in sein Negativ umzukehren. Dabei entsteht ein Bild, das durch seine diametrale Verkehrung von Licht und Dunkelheit, und die Veränderung von Farbe in ihr Komplementär den Gegenstand der Abbildung nicht nur rein äußerlich verändert, sondern auch seine Bedeutung neu interpretiert. Ein invertiertes Bild erfrischt das Seherleben des Betrachters.
Diese, auf zwei Sätze reduzierte, inhaltliche Zusammenfassung deutet nur kurz an, dass invertierte Bilder ihren Gegenständen ungewohnte und neu zu interpretierende Bedeutungen verleihen können. Dieses geschieht zum einen durch die gegenseitige Verkehrung von Hell und Dunkel. Zum anderen durch die Farbverfälschungen in den Bildern. Es hat sich gezeigt, dass nicht nur Komplementärfarben sondern generell gegenstandsfremde Farben wesentlich dazu beitragen, die Stärke des Effektes des Ungewohnten zu bestimmen.
Die Schönheit des Ungewöhnlichen
Zweifellos ist jedoch die hell dunkel Umkehrung das tragende Element. Sie sorgt für den überraschenden Primäreindruck. Für das menschliche Gehirn scheint es eine beachtliche Herausforderung zu sein, wenn eine gewöhnlich helle Stelle plötzlich Dunkel ist und umgekehrt. Dabei passiert etwas Erstaunliches, denn das Gehirn findet das, was es verarbeitet, schön. Nur Schönheit? In mein Empfinden mischt sich noch eine Spur Verbotenes. Es erscheint mir unerlaubt zu sein, die Welt in ihr Gegenteil zu verkehren, es ist wie ein Tabubruch. Denn: Alles muss so bleiben, wie ich es gewohnt bin. Die Grundvoraussetzung der Ordnung und des Wohlbehagens ist die Natürlichkeit der Welt. In dieser angestammten Umgebung bin ich zuhause und fühle mich intakt als grundsätzlich sinnlich funktionierender Mensch. Meine Persönlichkeit entstammt den Erfahrungen in und mit dieser Welt.
Ein Bild zeigt grundsätzlich nur den Gegenstand, und ehrlicherweise heißt es somit: „Auf dem Bild ist ein Gegenstand abgebildet“ und nicht: „Auf dem Bild ist ein Gegenstand.“ Dem zufolge bildet ein Bild nur die invertierte Welt ab; seine Wirkung ist keine unmittelbare, sondern durch die Darstellung mittelbar. Das bedeutet, dass die Persönlichkeit des Betrachters nicht in Wirklichkeit ihre Einbettung in die reale Welt verliert sondern medial die Erfahrung einer invertierten, anderen und scheinbaren Welt macht. Aber diese mittelbare Wirkung reicht aus, um einen ästhetischen Prozess in Gang zu setzen, an dessen Beginn Verwunderung steht und im weiteren Verlauf ein Gefühl von Schönheit entsteht.
Ungewöhnlich jedoch nicht fremd
Was ist damit gemeint? Nun, eine invertierte Welt ist so, wie meine Bilder sie zeigen, zwar ungewöhnlich aber nicht fremd oder neu. Sie ist nur außergewöhnlich deutlich abgebildet; denn uns ist das invertierte Sehen durchaus geläufig. Nach jedem Blick und jeder Augenbewegung sehen wir für den Bruchteil einer Sekunde sehr blass die Invertierung dessen, was wir unmittelbar zuvor als Positiv gesehen haben. Die zarten Farben und das schnelle Verblassen haben dazu geführt, dass wir eben nur in einzelnen Fällen jenes invertierte Bild wahrnehmen, beispielsweise dann, wenn wir längere Zeit einen Blumenstrauß vor einem weißen Hintergrund anschauen. Wenn wir daraufhin eine ausschließlich weiße Fläche betrachten, dann sehen wir den Blumenstrauß invertiert.
Auf jeden gegenwärtigen Blick legt sich also wie ein Geisterbild des Vergangenen das Invertiv. Es zeigt das an, was wir in der Vergangenheit gesehen haben. Was unseren optischen Apparat anbelangt, nehmen wir das Vergangene nur in der Invertierung wahr. Physikalisch betrachtet, entsteht das Invertiv im selben Moment wie das Positiv. Es zeigt sich jedoch erst, wenn der ursprüngliche Blick vollständig beendet ist. Deshalb ist das Positiv eine Momentaufnahme der Gegenwart, und das Invertiv eine Wiedergabe des Vergangenen.
Würden wir nur kurz auf einen Gegenstand blicken um dann den nächsten anzuschauen und so weiter fortfahren, dann würden sich mehrere Invertive übereinander legen und die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit würde vielschichtiger und verwobener werden. Möglicherweise ist das ein weiterer Grund für die für uns gewöhnliche Verbundenheit der Gegenwart mit der Vergangenheit.
Ein-Blick in die Vergangenheit
Bleiben wir bei der Erkenntnis, dass jedem normalen, positiven Eindruck ein invertierter, negativer folgt, und sich damit das vergangene Gesehene in der Gegenwart in Erinnerung zu bringen versucht, dann sind invertierte Bilder Konkretisierungen der Vergangenheit.
Man könnte einwerfen, dass ja jedes Foto die Vergangenheit zeigt. Das ist nur anscheinend richtig; denn genau genommen zeigt es die Gegenwart zum Zeitpunkt der Aufnahme. Bedingt durch die besonderen physiologischen Eigenschaften unseres optischen Apparats offenbart sich die Vergangenheit eben nur im Invertiv, und deshalb sind invertierte Bilder Abbildungen des Vergangenen; sie zeigen die Vergangenheit.
Objektivität und Interpretation
Neben der Hell-Dunkel-Invertierung gibt es die Farbinvertierung. Dort werden die Farben in ihre Komplementärfarben (lat. complementum: Ergänzung) gewandelt. Das sind die Farben, die im Farbkreisgegenüber angelegt sind, und sich in der Addition zu Schwarz ergänzen. Aufgehellt ergibt das Schwarz ein neutrales also farbloses, lebendiges Grau.
In einer reinen fototechnischen Komplementärinvertierung beispielsweise durch ein Bildbearbeitungsprogramm wird die Vergangenheit ohne persönliche Anteilnahme dargestellt. Man könnte sagen objektiv, denn es fehlt ihr die persönliche Note des Fotografen, wenn man von dem Bild an sich einmal absieht. Objektiv lässt sich vom lateinischen obiacere ableiten, was gegenüber liegen bedeutet. Der Gedanke, es könnte sich bei einem rein digitalen Invertiv um eine objektive Darstellung des Vergangenen handeln, verdichtet sich dahingehend, weil sich Komplementärfarben im Farbkreis ja auch gegenüberliegen.
Die ungewöhnliche Deutlichkeit und Stärke einer digitalen Bildinvertierung wurde oben schon angesprochen, und wird von mir als Besonderheit im bildnerischen Prozess akzeptiert und geschätzt. Auf uns und unsere Wahrnehmung des Invertivs wiederum bezogen, wird eine Objektivität fragwürdig, denn unser eigenes optisches Invertiv, ist blasser und bei weitem nicht so scharf gezeichnet. Darüber hinaus sind es andere Farben, die bei der biologischen Invertierung entstehen, ihr Farbwerte sind nicht so eindeutig, sie erscheinen individueller und überraschen durch hohe Präzision, was ihren Komplementärwert angeht. Wenn eine digitale Invertierung als objektiv bezeichnet wird, dann liegt der Schluss nahe, die biologische blasse und unscharfe Invertierung als subjektiv zu bezeichnen. Nicht so sehr im psychologischen, um so mehr im physikalischen Sinn. Sie interpretiert das Vergangene und bewertet durch mangelnde Intensität und Unschärfe. Dieser Interpretationsversuch interessiert mich, und ich widme mich in meinen Bildern diesem Vorgang, indem ich die Farben im Bild bearbeite. Dabei versuche ich nicht meiner persönlichen Erinnerung der Vergangenheit nahe zu kommen, sondern ich beabsichtige, das Abbild des Vergangenen umzudeuten. Ich führe es an den von mir als ideal angenommenen Zustand heran. Vergangenheit wird zu einem idealästhetischen Ereignis.
Positiv auf Invertiv ergibt Nichts
Wenn man ein Positiv auf ein Invertiv legt, addieren sich beide Bilder erwartungsgemäß zu grau. Dieses Grau zeigt ein paar wenige unzusammenhängende Konturen, in denen man nur mühsam ein fragmentiertes Abbild von Etwas erkennen kann. Es ist so, als hätte das eigentliche Ereignis nie tatsächlich stattgefunden.
Dieses ‚Aufeinanderlegen’ der Bilder findet in der Natur am ehesten dann statt, wenn der eigentliche Augenblick passiert. Denn, wie oben festgehalten, entsteht ein Invertiv im Moment des Schauens, es zeigt sich allerdings erst danach.
In der Analyse eines Ereignisses können wir sagen, dass ein Prozess, der nicht vollständig abgeschlossen ist, eben dieses Ereignis noch nicht hervorgebracht hat, und es deshalb nicht existiert.
Nehmen wir an, ich fotografiere einen Stein, der ins Wasser eindringt. Man sieht den Stein und die zerstörte, hoch spritzende Wasseroberfläche. Das ist ein eindeutig definiertes Bild. Das Invertiv wäre ebenso klar definiert. Bei der Addierung beider würde ein graues undefiniertes Bild entstehen. Das Ereignis würde nicht abgebildet werden können, rein faktisch gäbe es kein Bild dieses Ereignisses. In diesem Bild gäbe es weder Gegenwart noch Vergangenheit. Es wäre wie ein Blick zwischen die Momente, in dem man N/nichts sehen könnte.
Rainer Hykes 1. – 2. März 2011